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15.01.2008

Erwin Kieselbach und sein Hügel

Ein 77-Jähriger versetzt Berge

Himmelsstürmer - An der Oder bieten immer mehr Aussichtspunkte freien Blick ins Nachbarland. Weil in Brüssow Hügel Mangelware sind, wird einfach einer gebaut.

Von Roman Goll

Brüssow/Mescherin. Am westlichen Stadtausgang von Brüssow (Uckermark) bietet sich Passanten ein ungewöhnliches Bild. Mit 100 Metern Breite und 14 Metern Höhe hebt sich ein gewaltiger Erdhügel gen Himmel, wie man ihn sonst nur von Großbaustellen kennt. Aber was da am Rande der nördlichsten Stadt Brandenburgs entsteht, ist keine Autobahn und auch keine Brücke. Hier baut Urgestein Erwin Kieselbach einen Berg.

Der agile Schlossermeister war schon zu DDR-Zeiten Aktivposten beim Bau des Parks und der Freilichtbühne am See, wo heute eine Badestelle und ein Campingplatz Touristen anlocken. „Jetzt will ich eine neue Attraktion schaffen“, kündigt Kieselbach an.

Die Idee hatte er bereits vor fünf Jahren – beim Straßenbau fielen 15 000 Kubikmeter Erde an. „Mensch, damit bauen wir einen Aussichtspunkt“, dachte Kieselbach damals. Schnell hatte er ein Höhenprofil inklusive Rundweg und Grünanlagen skizziert, mit dem er „von Haus zu Haus“ die Stadtverordneten abklapperte. „Als die den Entwurf sahen, dachten sie erst, ich spinne“, erinnert sich Kieselbach. Doch der Plan des Himmelsstürmers wurde während einer Sitzung wieder aufgegriffen und mit knapper Mehrheit abgesegnet. Im Dezember 2003 gab die örtliche Baubehörde grünes Licht.

Heute ist Kieselbach 77 und ständig auf der Suche nach unbelastetem Erdreich. „Mir hilft kein Geld“, sagt er, „was ich brauche, ist Boden.“ Kieselbach nutzt seine alten Kontakte, verhandelt mit Bauunternehmen und Behörden. Einige Firmen haben bereits geholfen, ließen per Radlader Erde anrollen. Rund 90 000 Kubikmeter liegen mittlerweile auf dem Hügel. Weitere 50 000 benötigt Kieselbach, damit die angestrebte Höhe von 25 Metern erreicht wird. „Da die Gegend um den See ungefähr 50 Meter über null liegt, wären wir dann bei 75 Metern – genug für freie Sicht über die Oder bis Stettin.“

50 Kilometer südlich in Gartz/Oder dreht sich auch bei Amts-Chefin Brigitte Günzel fast alles um Berge. Sie ist in die Planung eines Projektes zwischen der zum Amtsbereich zählenden Ortschaft Mescherin und deren polnischer Nachbarstadt Gryfino (Greifenberg) involviert. „Innerhalb eines Förderprogamms für grenzüberschreitende Zusammenarbeit haben wir überlegt, was wir gemeinsam auf die Beine stellen können“, so Günzel. Zwei Aussichtstürme sollen entstehen; auf Erhebungen in den beiden Orten, die nur durch die Oder voneinander getrennt sind.

In Mescherin führen 133 Stufen hinauf auf den 50 Meter hohen Stettiner Berg. Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich dort aus anfänglichen Sandgruben ein regelrechter Abbau-Standort. „Deshalb ist der Berg jetzt so steil“, erklärt der Bürgermeister der 778-Einwohner-Gemeinde Karl Menanteau. Durch einen Tunnel, der inzwischen von Fledermäusen frequentiert wird, wurde der Sand mit Loren zur Oder gefahren und dort verschifft. „Der Tunnel ist heute das Nadelöhr“, sagt Menanteau – noch im Laufe des Jahres soll die angrenzende Dorfstraße saniert werden. Ein Statiker hält den Tunnel für marode. „Jetzt müssen wir ihn zuschütten und für die Fledermäuse ein neues Quartier suchen …“ Oberhalb des Tunnels, vom Lieblingsplatz der Mescheriner aus, geht der Blick weit ins Nachbarland und auf eine in Mitteleuropa einzigartige Flussauenlandschaft. Unzählige Altarme der Oder schlängeln sich entlang von Erlenwäldern und Silberweiden. „Ein Turm auf dem Stettiner Berg wird die Sicht erleichtern“, kündigt Menanteau an. „Und Schautafeln brauchen wir auch“, fügt er hinzu – auf dem „Gipfel“ existieren Schutzgräben aus dem Ersten Weltkrieg, die es für Gäste zu erklären gilt.

Und die kommen immer häufiger. Mit dem Bau von Wochenendhäusern und einem Campingplatz begann 1977 die Erschließung der Gemeinde für den Tourismus. 1999 wurde das Bollwerk an der Westoder restauriert, sodass auch Sportboote dort anlegen können. Und mit dem Wegfall der Grenzkontrollen kommt noch mehr Bewegung in die kleine Grenzgemeinde – wenngleich man hier die neuen polnischen Nachbarn längst kennt. „Mescherin ist ein beliebtes Ausflugsziel der Polen“, weiß Leszek Ludwiniak, der Verwaltungsangestellter in Greifenhagen ist. „Viele meiner Landsleute bauen westlich der Oder alte Häuser aus oder investieren in die Gastronomie“.

Wie Mescherin besitzt Greifenhagen, schachbrettartig an der schmalsten Stelle des Odertals angelegt, zahlreiche Bergkuppen. Beinahe im Zentrum liegt der Galgenberg. „Im Mittelalter wurden hier die Verbrecher aufgeknüpft“, erklärt Ludwiniak. Heute seien dort viele Liebespaare unterwegs. „Deshalb nennen wir ihn jetzt den Liebesberg.“ Demnächst soll der 49 Meter hohe Aussichtspunkt durch neue Wege, Bänke und Blumenwiesen „noch idyllischer werden“.

Der Brüssower „Berg- Bau“ indes hat sich laut Ludwiniak bereits bis nach Polen herumgesprochen: „Eine tolle Sache“, findet er, „vielleicht werden wir ja bald zu dritt ein Projekt schreiben“. Brigitte Günzel pflichtet da gerne bei: „Wenn der Berg steht, könnten wir uns vernetzen.“

Bis dahin fließt wohl noch viel Wasser den Berg hinab. Erwin Kieselbach ist mehr denn je auf sich allein gestellt. Zuletzt kam zwar frischer Boden vom neu entstandenen „Windfeld Wolfsmoor“ und ließ den Hügel weiter wachsen. Allerdings landeten 5000 Kubikmeter einige Kilometer entfernt in der Feldmark. „Weil im Ort gerade eine Baustelle war, karrte man die Erde einfach ins Feld“, ärgert sich Kieselbach, „solche Pannen dürfen nicht passieren.“

Laut Bauamtsleiter Dieter Werth soll bis zur 750-Jahr-Feier im kommenden Jahr alles fertig sein; mit Aussichtsturm und Verbindung zur Seepromenade. Aber Kieselbach zweifelt mittlerweile daran. „Nicht alle in der Stadt können sich mit dem Projekt anfreunden“, sagt er. Von einem „wachsenden Unkrautberg“ war kürzlich im Amtsblatt zu lesen. Amtsdirektor Detlef Neumann forderte Kieselbach gar in einem Schreiben dazu auf, nicht mehr eigenmächtig aktiv zu werden. „Aber dann werden wir in 100 Jahren nicht fertig – und ich stehe wie der Ochs vorm Berg“, befürchtet Kieselbach. Und das, obwohl die Stadt bisher von seinem Engagement nur profitierte. „Etwa 5,50 Euro pro Kubikmeter würde unbelastete Erde plus Anfahrt kosten“, rechnet er vor. Eine halbe Million Euro sei der Berg wert. „Gekostet hat er die Stadt 10 000, Grundstückskauf mit eingeschlossen.“ „Ich will den Berg noch fertig sehen“, sagt Kieselbach mit Blick auf sein fortgeschrittenes Alter. Dann eilt er an seinen Schreibtisch und hämmert ungeduldig auf die Tasten des Telefons ein – beim Straßenbau in der Uckermark sollen 30 000 Kubikmeter Boden anfallen, hat er spitzgekriegt. „Den Namen vom Bauleiter hab’ ich schon“, murmelt er, „und ich krieg’ auch noch die Handynummer.“

Himmelsleiter mit Blick auf polnische Hügel

Auch der Nationalpark Unteres Odertal lädt auf uckermärkischer Seite zum Blick ins Nachbarland ein. Der „Oder-Neiße- Radweg“ , dessen Querverbindung zum „Berlin-Usedom-Radfernweg“ bald auch durch Brüssow führt, verbindet vier Aussichtspunkte, im Norden beginnend mit dem Seeberg in Mescherin. Spazierwege an der Oder führen von dort aus zum „Gartzer Schrey“, wo seltene Greifvögel brüten. Weiter südlich bietet eine neue Beobachtungshütte bei Gatow freie Fernsicht auf ganzjährig überflutete Polder. An der sogenannten Himmelsleiter im Schönower Ortsteil Stützkow ermöglicht eine Aussichtsplattform den „Panorama-Blick“ auf die polnischen Berge. Und an der Grenze zum Barnim thront auf den Stolper Bergen ein alter Burgfried aus dem 12. Jahrhundert. Seit Kurzem kann man ihn sogar wieder besteigen. Demnächst soll an der Spitze ein Teleskop-Fernrohr befestigt werden.

Quelle: Uckermark Kurier

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Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Nordkurier.